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Was brauchen Angehörige, um zu kompetenten Helfern zu werden?

von Brigitte Fragner, Daniela Schreyer (HPE Österreich)

 

Etwa zwei Drittel der psychisch erkrankten Menschen leben bei ihren Angehörigen. Diese füllen zu einem ganz beachtlichen Teil die Lücken der extramuralen Versorgung: "ehrenamtlich" und meist schwer belastet: seelisch, sozial, körperlich (psychosomatisch) und finanziell. Die Angehörigen leiden aber nicht nur direkt an den Auswirkungen des psychiatrischen Syndroms des Erkrankten, sie leiden auch an der sozialen Entwertung und an der sozialen Isolation. Immer noch leistet sich die konservative Psychiatrie den Luxus, auf Information, Beratung und Schulung der betroffenen Angehörigen weitgehend zu verzichten, ohne zu bedenken, dass informierte Angehörige zu kompetenten Bündnispartnern im Gesundungsprozess werden können.

 

 

WAS FEHLT?   WAS WIRD GEBRAUCHT?
  • WISSEN: Der Einbruch einer psychischen Erkrankung verunsichert alle im Umkreis Lebenden zutiefst. Ein bis dahin "berechenbar" gewesener, naher Mensch verändert sich plötzlich oder schleichend, man fragt sich besorgt, ob es sich um einen "normalen" Entwicklungsprozess handeln könnte, oder ob die Symptomatik auf eine Krankheit hinweist. Aber: Wer selbst verunsichert ist, kann einem Verunsicherten nicht helfen - wie auch ein Blinder einem Blinden nicht über die Straße helfen kann.

 

 

  •  INFORMATION: Über das Wesen der Erkrankung, Hypothesen über mögliche Ursachen, Verlauf, Prognose, Behandlungsmöglichkeiten (bio-psycho-sozio), Möglichkeiten der finanziellen Absicherung, Rechtliches bzw. Sozialrechtliches, Angebote im psychosozialen Bereich (Krisenintervention, Beschäftigung, Wohnen, Freizeit, Sozialbegleitung, Sachwalterschaft, Selbsthilfegruppen usw.)
  • KLARHEIT: Welche Rolle spiele ich als Angehöriger im Behandlungsprozess? Ist meine Hilfsbereitschaft für den Betroffenen auch wirklich hilfreich? Wie kann ich zu einem heilsamen Begleiter werden? Das Stress-Vulnerabilitätskonzept ist zwar ein wichtiges Erklärungsmodell, führt bei den verunsicherten Angehörigen aber häufig zu einem gequälten Sich-Richtig-Verhalten-Müssen, zur "Vermeidung" bestimmter Verhaltensmuster und Äußerungen, trägt aber kaum zum Abbau der Unsicherheit bei. Folge: Die Echtheit in der Beziehung und die Eindeutigkeit in der Kommunikation gehen verloren. (Die in den 70er-Jahren so oft beschworene Doublebind-Kommunikation erleben wir Mitarbeiter der HPE eher als eine Folge der Konfrontation mit psychotischem Geschehen.)

 

 

 

  • BERATUNG und FORTBILDUNG: Um aus der Ohnmacht der Hilflosigkeit heraustreten zu können bzw. den Teufelskreis fehlgeschlagener, vielfach vom Betroffenen abgelehnter Hilfsversuche zu durchbrechen, ist es notwendig, sich der Botschaft des psychotischen Erlebens verständnisvoll zu nähern. Wie kann man sich das, was da geschieht, biologisch, psychodynamisch und soziologisch erklären? (Wenn dies auch natürlich nie vollständig möglich sein wird.) Je mehr ich von dieser "anderen Wirklichkeit" verstehe, umso klarer, ehrlicher und authentischer werde ich mit dem Betroffenen kommunizieren können. Damit trage ich zu einem Klima bei, in dem Heilung besser gelingen kann.
  • ERLEICHTERUNG: Psychohygiene ist für Menschen, die sich immer wieder in akuten und oft auch chronischen Belastungssituationen befinden, ganz besonders wichtig. Wenn jemand vom Chaos fast verschlungen wird, braucht er Raum, Zeit und Menschen, die ihm helfen, wieder zu sich selbst zurückzufinden, und die es ihm möglich machen, die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen wieder zu spüren.

 

  • AUSSPRACHEMÖGLICHKEIT u. ERFAHRUNGSAUSTAUSCH: Dabei steht nicht so sehr das Leiden des Betroffenen im Mittelpunkt des Interesses, sondern das, woran der Angehörige selbst leidet: Schuldgefühle, Minderwertigkeitsgefühle, Ohnmacht, Zorngefühle, Opferhaltung, Abwehrhaltung u.v.a. In Erfahrungsaustauschgruppen lerne ich die Bewältigungsstrategien der anderen kennen; gemeinsames Lernen an Erfolgen und Misserfolgen wird möglich

 

  • ENTLASTUNG: Kaum ein Mensch kann psychische, physische, materielle und soziale Probleme, wenn sie so geballt auftreten und einander verstärken, aus eigener Kraft und alleine lösen. Es gibt viele Situationen, in denen gerade Angehörige durch ihre nahe, natürlich emotional besetzte Beziehung zum Betroffenen gar nicht hilfreich sein können.

 

  • KONKRETE UNTERSTÜTZUNG VON AUSSEN: Motivationsarbeit bei nicht vorhandenem Krankheitsbewusstsein durch "neutrale Dritte" von außen, gezielte (und mobile) Krisenintervention direkt am Ort des Geschehens, finanzielle Abklärung (ev. Sachwalterschaft), außenstehende freundschaftliche Begleitpersonen für den Betroffenen (Sozialbegleitung, Trainingshilfe), praktische Hilfen im Alltag (Heimhilfe, Besuchsdienst, Reinigungsdienst usw.), Hilfe bei der Suche nach Wohn-, Arbeits- bzw. Beschäftigungsmöglichkeiten für den Betroffenen usw; Zusammenarbeit aller helfenden Institutionen und Personen!

 

  • VERÄNDERUNG: Die psychische Erkrankung selbst ist eine unerwartete, massive Veränderung, die im ganzen Familienverbund keinen Stein auf dem anderen lässt. Aufgrund der veränderten Umstände müssen auch Angehörige vieles verändern, um eine die Gesundheit fördernde Atmosphäre schaffen zu können. Häufig ist aber die eigene Handlungs- und Veränderungsfähigkeit blockiert, kein Weg scheint gangbar zu sein, Erstarrung tritt ein.

 

 

  • SELBSTERFAHRUNG und PSYCHOTHERAPIE: Veränderung braucht einen Anstoß. Wo Selbst-erfahrung alleine nicht genügt, sollte Angehörigen auch die Möglichkeit zur Psychotherapie (kostenlos oder mit Kostenzuschuss der Krankenkassen) geboten werden.
  • SELBSTVERTRAUEN: "Mein Angehöriger leidet an einer psychischen Erkrankung" - das ist eine Einsicht, die von Scham- und Schuldgefühlen begleitet ist und nicht selten als persönliches Versagen empfunden wird. Das Unverständnis, die Hilflosigkeit und leider oft auch die Entwertungen aus dem früheren Umfeld tragen zusätzlich noch dazu bei, dass Familien von psychisch Kranken sich zurückziehen und in soziale Isolation geraten.

 

  • SELBSTHILFE und SOZIALPOLITISCHES ENGAGEMENT: Offene Gespräche mit Menschen, die in ähnlich schweren Situationen leben, der Austausch von Erfahrungen und das Knüpfen neuer Freundschaften ermöglichen wieder das Erleben von echtem Verständnis und Angenommensein. Angehörige wissen aus alltäglichen Erfahrungen, was "drinnen" und "draußen" reformbedürftig ist, wie bedürfnisorientierte Hilfe aussehen kann. Durch den Zusammenschluss in einer Angehörigenbewegung entsteht aus einzelnen verzagten Stimmen ein kräftiger Chor, der nicht länger mehr überhört werden kann.

 


Die Angebote der HPE sind darauf abgestimmt, dass Angehörige durch kompetente Hilfestellung selbst zu kompetenten Helfern werden. Dabei ist es dem Team der HPE ein Anliegen, dass die Lebensqualität der Angehörigen ebenso im Mittelpunkt des Interesses steht, wie jene der erkrankten Familienmitglieder.

Nähere Informationen im Büro der HPE-Österreich: 1070 Wien, Bernardgasse 36/14; Tel.: (01) 526 42 02.