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 05.04.07

"Jeder Vierte ist psychisch krank"

Im laufe eines Jahres leiden 20 bis 25 Prozent der erwachsenen Bevölkerung an einer psychischen Erkrankung. Das ist das Ergebnis der Studie „The Cost of Disorders of the Brain in Europe“, die am 2. April im Rahmen einer Presse-Konferenz in Wien präsentiert wurde. Hier nun die umfassenden Presse-Unterlagen von Johannes Wancata (Medizinische Universität Wien) und Werner Schöny (Wagner-Jauregg-Nervenklinik Linz). (Bild: "Sternennacht" von Van Gogh. Wird als künstlerische Darstellung von Bipolarität interpretiert).


Etwa 20-25% der erwachsenen Bevölkerung leiden im Laufe eines Jahres unter irgendeiner psychischen Erkrankung. Bislang lagen für die Kosten, die von psychiatrischen Erkrankungen in Österreich verursacht werden, keine Daten vor. Um diese Kosten abzuschätzen, wurden epidemiologische und gesundheitsökonomische Studien aus 28 europäischen Ländern verwendet („Cost of Disorders of the Brain in Europe“-Studie). Auf Basis dieser Daten wurden die Kosten von psychischen Erkrankungen in Österreich hochgerechnet, entsprechend der Kaufkraft in Österreich im Jahr 2004.

Nur fünf psychiatrische Erkrankungen, das sind Suchterkrankungen, affektive Erkrankungen, Angsterkrankungen, Demenz und Psychosen, verursachen in Österreich jährlich Kosten in der Höhe von 7,16 Milliarden Euro. Die höchsten Kosten werden von affektiven Erkrankungen, also von Depressionen und bipolare Störungen, mit 2,46 Milliarden Euro sowie von Suchterkrankungen mit 1,44 Milliarden Euro verursacht. Dies bedeutet, dass durch diese fünf psychiatrischen Erkrankungen für jeden Österreicher und jede Österreicherin jährlich Kosten in der Höhe von 888 Euro entstehen. Insgesamt verbrauchen die fünf genannten psychischen Krankheiten etwa 3% des österreichischen Bruttonationalproduktes.

Insgesamt leiden im Laufe eines Jahres etwa 848.000 ÖsterreicherInnen an einer Angsterkrankung, wie etwa an einer Panikstörung und 479.000 ÖsterreicherInnen an einer affektiven Erkrankung (Depressionen und bipolare Störungen), die somit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen gehören. Die höchsten jährlichen Kosten pro Krankheitsfall entstehen in Österreich durch Demenzerkrankungen (13.635 Euro) und durch Psychosen (9.487 Euro).

Höchste Kosten durch Arbeitsausfall. Der größte Teil der Gesamtkosten (7,16 Milliarden Euro), die durch die fünf genannten psychischen Krankheiten verursacht werden, entstehen durch Arbeitsausfall in Folge von Krankenständen (31%) und durch die Krankenhausbehandlung (21%). Die medikamentöse Behandlung verursacht hingegen nur ca. 3% der Gesamtkosten.

Kosten in Europa (25 EU-Staaten, Island, Norwegen, Schweiz). Die genannten fünf psychiatrischen Erkrankungen (Sucht, affektive Erkrankungen, Angsterkrankungen, Demenz, Psychosen) verursachen in den 28 europäischen Ländern  jährlich Kosten in der Höhe von 295 Milliarden Euro. Die höchsten Kosten werden von affektiven Erkrankungen (106 Milliarden Euro; Depressionen und bipolare Störungen) sowie von Suchterkrankungen (57 Milliarden Euro; Alkohol und Drogen) verursacht.

Kosten in Österreich, Schlussfolgerungen. Da für einige psychische Erkrankungen (z.B. Demenzen) die Krankenzahlen in den nächsten Jahrzehnten deutlich zunehmen werden, ist mit einer ebenso deutlichen Zunahme der Kosten zu rechnen. Die Forschung für die genannten Krankheitsbilder wird in Österreich zum größten Teil von der Industrie (96%) und nur zu einem minimalen Teil von der öffentlichen Hand (4%) gefördert. Eine Steigerung der öffentlichen Forschungsförderung für die genannten Krankheitsbilder scheint angesichts der hohen Kosten aufgrund von Krankenständen und frühzeitiger Pensionierung wünschenswert.

Wenn man berücksichtigt, dass die Krankenstände aufgrund psychischer Erkrankungen in den letzten 15 Jahren deutlich gestiegen sind und ein knappes Drittel der Gesamtkosten psychischer Erkrankungen durch Krankenstände verursacht werden, scheint es sinnvoll, hier nach Lösungsansätzen zu suchen. Ein Ausbau rehabilitativer Maßnahmen für psychische Erkrankungen könnte hier längerfristig zu einer Kostenersparnis führen.

Univ.-Prof. Dr. Johannes Wancata, Medizinische Universität Wien, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinische Abteilung für Sozialpsychiatrie johannes.wancata@meduniwien.ac.at



Psychische Erkrankungen in Österreich: Tendenzen, Entwicklungen und Versorgungslage

Die Bedeutung psychischer Erkrankungen wurde in Österreich, aber auch in Europa sowie im Rahmen der WHO erst in den letzten Jahren so richtig wahrgenommen. Dies ist eng mit Vorurteilen gegenüber Menschen mit psychischen Auffälligkeiten verbunden. Erst die Erkenntnis über die hohen Kosten und die volkswirtschaftliche Bedeutung hat Bewegung in die Sozialpolitik gebracht.

Mehr als 20 Prozent aller Frühpensionierungen wegen psychischer Erkrankung. Beispielsweise sei erwähnt, dass mehr als 20 % aller Frühpensionierungen auf Erkrankungen mit psychischer Ursache basieren und etwa 460 Krankenstandstage pro 1000 Beschäftigte im Jahr wegen psychiatrischer Erkrankungen zu verzeichnen sind.

Maßnahmen für Verbesserungen sind dringend notwendig. Die Versorgungslage ist allerdings im Aufbruch. Es wurden die großen psychiatrischen Krankenhäuser aufgelöst oder grundlegend umstrukturiert. Dezentrale Abteilungen in allgemeinen Krankenhäusern wurden in vielen Regionen eingerichtet und psychosoziale Angebote in Gemeindenähe in großer Zahl errichtet. Langzeitpatienten konnten weitgehend aus den großen stationären Abteilungen entlassen werden; große Gemeinschaftssäle und ähnliches sind heute Geschichte.

Ökonomisierung stoppt Umstrukturierung. Diese Prozess der Umstrukturierung der Psychiatrie ist in den Regionen sehr unterschiedlich rasch vollzogen worden oder vieler Orts noch gar nicht umgesetzt. Durch die ausgeprägte Ökonomisierung im Gesundheitswesen bedingt, sind viele positive Prozesse ins stocken gekommen. Die in den meisten Bundesländern vorhandenen Psychiatriepläne können nur mangelhaft umgesetzt werden. Keinesfalls ist es so, dass allen Menschen, aus wissenschaftlicher Sicht, die gebotene Behandlungsqualität flächendeckend angeboten werden kann.

Was sind wesentliche Lücken in der Versorgung?
 
Die Dezentralisierung der stationären Abteilungen und Verordnung in Allgemeinkrankenhäuser noch nicht voll umgesetzt.

Ausbau der psychosozialen Versorgung mit Beratung und Behandlungsangeboten in Gemeindenähe, besonders in ländlichen Regionen, unzureichend.

Angebot an tagesstrukturierenden Einrichtungen, assistierten Arbeitsmöglichkeiten und Wohnhilfen hat sich war wesentlich verbessert, ist aber unzureichend.

Regelung der psychotherapeutischen Versorgung, die gesetzlich seit 1991 gut definiert ist, ist auf  Sozialversicherungsebene unzureichend.

Mangel an Fachärzten sowohl in stationären Bereichen, besonders in gewissen Spezialisierungsgebieten und am Land unzureichend.

Gesetzliche Regelung bezüglich sozialer Absicherung ist nicht den Krankheiten entsprechend (fehlende Möglichkeiten für Zuverdienst, Teilzeitpensionsmodelle, Grundabsicherung). 

Nach wie vor Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen führt zu verspäteter Behandlung und Chronifizierung.


Die positiven Veränderungen

Rasante Entwicklung der therapeutischen Möglichkeiten sowohl im biologischen als auch im psychotherapeutischen Bereich.

Wesentlich bessere Ausstattung der stationären Einheiten sowohl in räumlicher Hinsicht als auch personell.

Verbesserung der soziotherapeutischen Möglichkeiten und der gemeindenahen Angebote in den letzten 20 Jahren.

Vermehrte Einsicht vom politischen und administrativen System, was die Notwendigkeit der Ausweitung des psychiatrischen Angebotes betrifft.

Bereitschaft der Wirtschaft zur Eingliederung von Menschen mit psychischen Erkrankungen steigt, ebenso die Wahrnehmung, dass psychische Gesundheit einen wesentlichen Stabilisierungsfaktor auch im Arbeitsleben bedeutet.

Beginnender Einbau psychischer Elemente in Vorsorgeuntersuchungen und Gesundheitsaktivitäten.



Vor allem aber: "Die Gesellschaft muss erkennen,
dass es keine Gesundheit ohne seelische Gesundheit gibt!"

Univ. Doz. Prim. Dr. Werner Schöny, Wagner-Jauregg-Nervenklinik Linz, Ärztliche Direktion. werner.schoeny@gespag.at