Wie sollen suchterkrankte Patienten behandelt werden? Sind Substitutionsmittel ethisch vertretbar? Wird dabei der Staat zum Drogendealer? Gibt es eine Chance für Patienten abstinent, also frei von Drogen, zu leben?
„Die Abstinenzorientierung ist das große Problem in der Suchtarbeit“, erklärt der Suchtexperte aus Tirol, Dr. Ekkehard Madlung, in seinem Vortrag. Eine wirkliche Alternative zur Substitutionsbehandlung gibt es nicht. Die Chance, dass ein Drogenabhängiger abstinent wird, ist sehr gering.
Das Einsperren von Suchtpatienten ist keine Lösung. Ein Gefängnisaufenthalt ist nicht zielführend und noch dazu teurer als eine Substitutionsbehandlung. Das Problem der Suchterkrankten ist nur selten die Sucht allein, vielmehr muss man die Betroffenen therapeutisch betreuen und die umliegenden sozialen Probleme behandeln.
„Aus medizinischer Sicht geht es darum, die Lebensqualität der Suchterkrankten zu steigern und die Sterblichkeit zu reduzieren“, so Madlung. Therapien allein sind da zu wenig, Substitution soll die Chance für eine spätere Abstinenz steigern.

Dr. Bach eröffnet die Podiumsdiskussion Dr. Madlung berichtet über Ethik in der Suchtarbeit
Empirische Untersuchungen belegen:
Ohne Substitution würde die Mortalitätsrate um rund 150% ansteigen! Funktionierende Maßnahmen in der Suchtarbeit sind die Substitutionsbehandlung, die Schaffung von Konsumräumen, ein ein geregeltes Spritzen- und Nadelprogramm zum Schutz der Suchterkrankten und der gesamten Bevölkerung. Laut Dr. Madlung sind Strafverfolgungen nur selten sinnvoll und erhöhen die Mortalität.
Das Thema Drogen wird vor allem in den Medien maßlos übertrieben. Fakt ist, dass 0,4% der Österreicher ein Drogenproblem haben und jährlich circa 180 Personen aufgrund dessen ums Leben kommen.
Die Besucher lauschen interessiert den Ausführungen von Dr. Madlung
„Sucht ist eine chronische Erkrankung und benötigt ein differenziertes Behandlungsangebot“, sagt Univ. Prof. Prim. Dr. Michael Bach, Stv. Vorsitzender von pro mente OÖ und eröffnet mit seinen einführenden Worten die Podiumsdiskussion.
Podiumsdiskussion:
Moderatorin war Barbara Rohrhofer von den OÖN.
Mit dabei war auch Dr. Madlung, der seinen Standpunkt verschärfte und Substitution als erste Behandlungswahl in der Suchtarbeit festlegte. Er lobt das Engagement der pro mente OÖ, da sich diese aktiv für die Aufklärungsarbeit in Sachen Sucht einsetzt.
Der Suchterkrankte Peter V., der seit Jahren mit Ersatzopiaten behandelt wird, setzte sich ebenfalls für Substitution ein. Diese Behandlungsform hat es ihm ermöglicht, ein geregeltes Leben samt Lebensgefährtin zu führen. Er kritisierte, dass die Betroffenen zu wenig angehört werden und dass die Medien nur selten an einer fairen Berichterstattung interessiert wären.
DSA Sylvia Libiseller (pro mente OÖ, Geschäftsfeld Sucht) betonte, dass die Suchtgiftverordnung von 2007 kontraproduktiv sei und diese erneut überdacht gehört. Substitution sei keine Sackgasse und untergrabe auch nicht die Menschenwürde der Betroffenen. Libiseller setzt sich dafür ein, dass auch niedergelassene Ärzte ins „Boot der Suchtarbeit“ geholt werden müssten.
Podiumsdiskussion
Dr. Bernhard Lindenbauer aus der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg schilderte die Suchtarbeit im Krankenhaus und dass es einen massiven Personalmangel gibt. Mehr als 300 Patienten werden pro Jahr in der Linzer Landesnervenklinik behandelt, circa 100 Betroffene werden aufgrund des Platzmangels abgewiesen. Diese müssen sich dann ihre Drogen am Schwarzmarkt besorgen, was auch zur Steigerung der Kriminalität führe.
Seit 2007 gibt es kaum mehr eine psychosoziale Begleitung der Suchterkrankten. Laut Lindenbauer sei es auch verständlich, dass sich Ärzte gegen die Substitution aussprechen, da diese stark polarisierende Behandlung oftmals gesellschaftlich nicht toleriert werde. Lindenbauer selbst ist schon oft als Mörder und Drogendealer beschimpft worden, weil er sich für Substitution einsetzt.
Dr. Siegfried Pichelmann ist Allgemeinmediziner und betreut rund 50 Suchtpatienten. Er meint, dass sich die meisten Ärzte nicht mehr trauen, eine Substitutionsbehandlung durchzuführen, da das mediale Echo diese Art von Therapie als Teufelsinstrument darstelle. Somit liege es auf der Hand, dass nicht nur die Patienten, sondern auch die Ärzte selbst diesbezüglich stigmatisiert würden.
Das Problem liegt sicherlich nicht am Honorar, sondern vor allem an dem Willen und der Courage der behandelnden Ärzte
Der Sucht- und Drogenkoordinator des Land OÖ, DSA Thomas Schwarzenbrunner, warnte vor dem alarmierenden Zuwachs der Drogenabhängigen und meinte, dass sich die Suchtarbeit weniger in einer Sackgasse, sondern eher in einem Kreisverkehr befände, in dem man die Orientierung verloren hätte. Er bedauerte, dass die Gesellschaft nur Leistungen sehen wolle und Abstinenz fordere, dies aber leider nicht funktionieren kann.
Buffetimpressionen
Scharfe Fragen aus dem Publikum, darunter auch von Dr. Bach, entfachten eine hitzige Diskussion, die aufzeigte, dass dringender Handlungsbedarf in Sachen Suchtarbeit besteht. Die Zukunft der Substitutionsbehandlung ist stark gefährdet, die Hauptverantwortung, diese zu fördern, liegt vor allem beim Staat.
Bei einem anschließenden Buffet wurde noch rege weiter diskutiert und ein spannender Nachmittag fand seinen Ausklang.
Hier der Link zu dem Bericht der OÖN:
(jap) |