27.10.2017: 15 Jahre green.box

Am 18. Oktober feierte die green.box von pro mente Jugend das 15-jährige Jubiläum. Die teilbetreute Übergangswohngemeinschaft bietet jungen Menschen mit psychosozialen Problemen eine überbrückende Unterstützung an. Lesen Sie im Bericht eine Nachlese zur Veranstaltung, ein Interview mit einer ehemaligen Bewohnerin und informieren Sie sich per Video über die green.box.

Mag.a Manuela Nemesch
Mag.a Manuela Nemesch

Geschäftsfeldleiterin Mag.a Manuela Nemesch erzählte in ihrer Begrüßungsrede  über den Start der blue.box WG 2002 in Linz für fünf Mädchen. Bei der Übersiedelung 2009 nach Urfahr wurde parallel dazu die red.box WG (für Burschen) ebenfalls in Urfahr eröffnet. 2010 schließlich wurden die beiden WGs zusammengelegt und in green.box umbenannt.

 

Seit dem Start 2002 wurden insgesamt rund 120 Jugendliche und junge Erwachsene in der green.box betreut. Ungefähr 65 % von diesen ziehen danach in eine eigene Wohnung bzw. in private WGs, 15 % zurück zu den Eltern, 20 % in eine Nachfolgeeinrichtung.

 

Geschäftsführer MMag. Gernot Koren MAS hob in seiner Begrüßungsrede hervor, dass die green.box jungen Menschen die Möglichkeit der Stabilisierung und Nachreifung bietet. Axel Mayr, der neue Teamleiter, berichtete von Neuerungen in der green.box u. a. vom neu eingeführten Frühdienst, der die BewohnerInnen beim Start in den Tag unterstützt, damit der Erhalt von Strukturen (Lehre, Schule, Besuch diverser berufsbezogener Maßnahmen) besser möglich ist.

 

Mag.a Bettina Neumayr hielt einen Vortrag zum Thema: "Professionelle Beziehungsgestaltung – Wie nah ist nahe genug?" und regte im Anschluss zu interessanten Diskussionen in Kleingruppen an. Abschließend konnte noch in gemütlichem Rahmen bei süßen und sauren Häppchen (hergestellt von den Jugendstandorten freiraum+, Produktionsschule factory/work.box und lunch.box) geplaudert werden.

 

Neben MitarbeiterInnen aus den Jugendprojekten bzw. von pro mente OÖ, waren auch Mag.a Kathrin Märzendorfer (von der Sozialabteilung des Landes OÖ) und SozialarbeiterInnen des Neuromed Campus - im Sinne der Vernetzung - bei der Veranstaltung anwesend.

Film: green.box

Gestaltet und produziert von Jugendlichen und MitarbeiterInnen des freiraum+.

interview: Im gespräch mit sandra (24 J.)

Das Wohnzimmer in der green.box
Das Wohnzimmer in der green.box

„Man muss sich nicht schämen, wenn man Hilfe annimmt …“

 

Meine Eltern waren relativ jung, als ich geboren wurde. Ihre Beziehung ging bald in die Brüche. Ich blieb bei meiner Mutter und besuchte meinen Vater regelmäßig. Meine Mutter und mein Vater fanden neue Partner und heirateten wieder. Zwischen meinem achten und zwölften Lebensjahr, kamen meine vier Halbgeschwister auf die Welt. Somit war ich nun die Große. Ich kümmerte mich gerne um meine Geschwister, war aber auch sehr eifersüchtig. Meine Mutter war am Abend oft außer Haus. Mein Stiefvater hatte viel Stress in der Arbeit und trank am Abend ausgiebig. Ich wurde zur Ersatzmama, vor allem für meinen jüngsten Bruder. Die Beziehung zu meiner Mutter war oberflächlich und sehr schwierig. Sie war oft überfordert und auf mich wurde am wenigsten Rücksicht genommen. Nach außen haben wir wie eine perfekte Familie gewirkt. Niemand hat wirklich mitbekommen, was bei uns eigentlich los war.

 

Mit elf Jahren begann ich, mich selbst zu verletzen. Meine Mutter bekam das nicht mit. Ich litt zusätzlich an starken psychosomatischen Beschwerden und war deswegen oft auf der Kinderstation im Krankenhaus. Freiwillig und wohl auch um den Problemen zuhause zu entkommen, ging ich mit 15 ins Internat und begann die Ausbildung zur Kindergarten-Helferin, die ich auch abschloss. Rückblickend war mein Leben bis dahin relativ ok gewesen.

Mit 17 bekam ich wiederholt starke Anfälle, ich fiel einfach um und blieb in einer Art Schockstarre liegen. Als ich 18 wurde, testete man bei mir eine Borderline-Störung aus. Alles war sehr brüchig … Lehre, Kurse, verschiedene Arbeitsstellen, ich blieb immer nur kurz. Mit 18 zog ich zuhause aus, aber das funktionierte nicht lange. Nach zwei Autounfällen und einer Kündigung zog ich bei meinem Vater ein. Dieser war überrascht vom Ausmaß meiner Krankheit und meinte, ich solle doch die Tabletten absetzen. Nach einem heftigen Streit stand ich kurz vor dem Suizid und kam wieder in die Psychiatrie Wels.

 

blue.box - Zum ersten Mal ein stabiles Umfeld

Dort hörte ich zum ersten Mal von der blue.box und konnte bereits zwei Monate später in das Wohnhaus in Hörsching einziehen. Von da an wurde alles besser. Ich war anfangs sehr zurückgezogen, aber die BetreuerInnen ließen nicht locker. Immer wieder kamen sie auf mich zu und haben mir das gegeben, was in meinem Leben immer gefehlt hat: Verständnis, Struktur, jemand zum Reden, jemand, der sich wirklich für mich interessiert … Kam ich von der Arbeit zurück in das Wohnhaus, ging ich zuerst ins Büro der BetreuerInnen: "Wie war dein Tag?, Wie geht es dir?" Keiner war böse, wenn ich mal schlecht drauf. Ich hörte keine Vorwürfe. Wertfreie, aber wertschätzende Annahme prägten mein Leben in der blue.box. Etwas Neues für mich.

 

In der blue.box lernte ich, dass man mich mag, so wie ich bin und weil ich so bin, wie ich bin. Ich habe in dieser Zeit viele Leute und ihre Geschichten kennengelernt. Da habe ich gesehen, dass ich meine Probleme habe und dazu stehen darf.

 

Zwei Jahre lang war die blue.box mein Zuhause. Dort habe ich „reden“ gelernt und den Umgang mit Menschen „nachgelernt“. Auch zu sagen: "Es geht mir nicht gut. Ich habe Probleme, ich brauche Hilfe!"

In meiner Familie wurde nie über Probleme gesprochen. Nach einem Streit taten wir so, als wäre alles wieder gut. Ich habe immer alles runtergeschluckt. Ich zog mich zurück und blieb still. Generell tu ich mir heute noch schwer, mit jemandem persönlich zu sprechen. Am Telefon, beim Gespräch mit Ämtern oder Behörden hingegen, habe ich überhaupt kein Problem. Ich habe in der Zeit in der blue.box auch abgenommen. Meinen Führerschein bekam ich nach einigen Behördengängen wieder zurück. Im BBRZ absolvierte ich eine Ausbildung zur Bürokauffrau und ich verdiente mein eigenes Geld.

 

Ich kann sagen, dass ich durch die emotionale Unterstützung der BetreuerInnen mein Leben wieder in den Griff bekommen habe. Eine Betreuerin war wie eine Mama für mich, sie verkörperte für mich nur die guten Seiten meiner Mutter. Zu einer anderen fand ich einen besonderen Draht, ich mochte ihre Art besonders.

 

green.box – Lernen, auf eigenen Beinen zu stehen

Schließlich konnte ich in die green.box einziehen. Am Anfang war es dort schwer für mich, ich fühlte mich wieder sehr allein. Meine alten Ängste und Probleme waren wieder da. Dann zog ein Mädchen ein, das meine beste Freundin wurde. Ich lebte eineinhalb Jahre in der green.box, schloss die Lehre zur Bürokauffrau ab und arbeitete dann, weil ich keinen Job fand, als Kindermädchen. Mittlerweile leben meine Freundin und ich seit über einem Jahr in einer eigenen Wohnung. Drei Monate lang wurden wir von den BetreuerInnen der green.box noch „nachbetreut“. Momentan bin als Tagesmutter angestellt und wir sind gerade am Übersiedeln in eine größere Wohnung.

 

Und jetzt?

Mittlerweile geht es mir gut, ich bin stabil und hatte keine Krankenhaus-Aufenthalte mehr. Alles läuft gut derzeit mit Auto, Wohnung, Arbeit und meinen Katzen. Langfristig Abnehmen ist ein dauerhaftes Ziel. Und ich habe viel Hoffnung auf die Traumatherapie, die ich jetzt begonnen habe.

 

Meine Ziele?!

Ich möchte ein ganz normales Leben führen: Arbeiten gehen, eine gemütliche Wohnung haben, einen Partner finden und Kinder bekommen. Davon träume ich. Und reisen möchte ich auch. Momentan freue ich mich riesig auf ein Konzert.